Sonntag, 11. November 2012

Die Sache mit dem Blickkontakt

Es gibt Menschen, die behaupten, sie könnten den Charakter ihrer Mitmenschen an den Augen ablesen.

Wirklich? Dann sollten sie es mal bei mir versuchen. Ich wette, ich weiß schon jetzt, wie ihre Urteile ausfallen werden: verschlossen, unehrlich, überheblich, verschlagen.

Foto: Pixabay
Wer andern nicht geradewegs ins Gesicht schaut, hat was zu verbergen. Ich bestreite das. Bei mir ist es anders. Ich fürchte nicht den Blick meiner Mit- menschen als Entlarvung geheimer Wünsche oder Absichten; ich kann mit dem Gesicht und den Augen anderer nur nicht viel anfangen. Sie vermitteln mir nicht jene Fülle an Informationen, die meine Mitmenschen aufzunehmen in der Lage scheinen und die ihnen so elementar wichtig sind. Ich konzentriere mich weit mehr auf gesprochene Worte. Und beim Wiedererkennen bekannter Personen erweisen sich ohnehin Stimme, Frisur und Bewegungsmuster als viel effektiver als das angestrengte Starren ins Gesicht.

Samstag, 4. August 2012

Bob Marley war hier

Einmal saß ich einer Frau gegenüber, die ich gerade kennen gelernt hatte. Wir unterhielten uns eine Stunde lang. Als mich ein paar Tage später meine Freundin anrief, erzählte ich ihr von dem Treffen. Die Frau sei sehr sympathisch, sagte ich. Sie habe lange blonde Haare, wirke harmonisch, ruhig und sehr weiblich.

Der Zufall wollte es, dass wir uns ein zweites Mal trafen. Diesmal war ich – gelinde gesagt – schockiert, aber nicht über die Frau, sondern über mich. Die Überprüfung meiner Beschreibung ergab nämlich, dass ich bei ihrem Aussehen vollständig daneben gelegen hatte. Die Frau trug keineswegs lange blonde Haare – ihre Haare waren rot und reichten ihr nur bis zum Kinn.

Wie habe ich mich dermaßen irren können? Konnte ich überhaupt noch meiner Wahrnehmung trauen, wenn sich in meiner Erinnerung eine Frisur festgesetzte, die meine Augen gar nicht gesehen hatten? Passierte mir das öfter, nur merkte ich nichts davon?

Mir ließ dieses Ereignis keine Ruhe. Solange ich keinen Grund angeben konnte, was dort mit mir geschehen war, war ich verunsichert. Souverän geht anders.

Dienstag, 1. Mai 2012

Aber neulich,
das hat doch prima geklappt?

Meine Leute haben sich inzwischen an mein Dasein als Prosopagnostikerin gewöhnt. Wirklich verstehen können sie das Phänomen aber noch immer nicht. Vielmehr akzeptieren sie, was ich ihnen darüber berichte, ohne stichhaltig dagegen argumentieren zu können. 

Quelle: Image*After
Am Anfang, zu Beginn meines Outings, war die Gegenwehr noch bedeutend größer gewesen. Es war (und ist nach wie vor) schwierig, sich ein Defizit ohne völliges Versagen vorzustellen: Entweder es fehlt dem Prosopagnostiker die körperliche Voraussetzung, um Gesichter wiederzuerkennen  –  so der Gedankengang  – , dann müsste ich aber auch bei jedem Versuch konsequent scheitern, oder man kriegt es irgendwie hin, meistens jedenfalls, dann dürfte ich mich an dieser Stelle aber nicht von der restlichen Menschheit unterscheiden.

Es ist meine Unauffälligkeit, die irritiert. Irgendwie schaffe ich es, im Strom der sozialen Konformität mitzuschwimmen. In der Regel falle ich nicht sonderlich auf. Meist gelingt es mir, die wichtigsten Leute meiner sozialen Biotope so weit mit spontan wirkender Aufmerksamkeit zu erfreuen, dass es nicht negativ auf mich zurückfällt. Meine Umgebung schließt daraus, dass ich ja genauso sei wie sie selbst.

Sonntag, 22. Januar 2012

Fernsehen

Früher als Kind konnte man mich kaum von der Mattscheibe wegkriegen, heute besitze ich nicht mal mehr einen Fernsehapparat.

Foto: Pixabay
Ich mochte die Zeichentrickfilme wie Bugs Bunny oder die Blaue Elise und die Vorabendserien im ersten und zweiten Programm, die halbe Stunde „Lieber Onkel Bill“ oder „Westlich von Santa Fé“ vor dem Abendessen und dem Fingerzeig in Richtung Bett. Private Sender gab es derzeit noch nicht, dementsprechend überschaubar war das Angebot, und ich glaube, auch die Präsentation, die Kameratechnik hat sich inzwischen gewaltig geändert. Damals bestand ein Film noch aus längeren, nahtlosen Sequenzen, ohne dass ständig zwischen mehreren Perspektiven hin und her geschaltet wurde.

Irgendwann im Laufe meiner Jugend fiel dann meiner Umgebung auf, dass ich die Schauspieler verwechselte. Das trug zur Erheiterung bei oder provozierte Kopfschütteln: Wie kann man nur …! Mir selbst wurde allmählich bewusst, dass fernsehen anstrengender wurde. Mit Dokumentarfilmen oder Quizshows kam ich gut zurecht, doch Spielfilme ödeten mich zunehmend an. Sie bereiteten mir keine Entspannung, im Gegenteil, es wurde anstrengend ihnen zu folgen

Mittwoch, 5. Oktober 2011

Wo entlang?

Mir gefällt das Bild, es hat was Friedliches. Nur eins verstehe ich nicht: Was soll die Laterne mitten auf der Straße? Oder ist es eine Ampel? So niedrig? Und im menschenleeren Ort?

Bert Cortes/Visipix.com

Auf jeden Fall ist es ein Hindernis, es zwingt mich zum Ausweichen. Entweder muss ich an der einen Seite vorbei oder an der andern. Ich könnte natürlich auch davor stehen bleiben und umkehren oder gar als dritte Möglichkeit alle Folgen ignorieren und geradewegs in den Pfahl hineinlaufen. Warum zwingt man ohne ersichtliche Not die Passanten, solche Entscheidungen zu treffen?

Im übertragenen Sinn ist die Prosopagnosie meine persönliche Straßenlaterne. Sie steht genauso idiotisch im Weg herum wie jene hier auf dem Gemälde. Wenn die Straße ein Sinnbild ist für die zwischenmenschliche Interaktion, dann ist die Prosopagnosie das Hindernis, das mich hemmt. Der Verkehrsfluss ist darauf ausgerichtet, dass es reibungslos vorangeht. Wir Menschen sollen uns verstehen, unmissverständlich kommunizieren und befriedigende Sozialkontakte pflegen. Darum stellt man nicht absichtlich eine Barriere auf, die all dies erschwert. Ich aber habe solch ein Hindernis auf meiner Interaktionsstraße stehen. Zwar habe ich es nicht selbst dort hingetan, aber ich werde es auch nicht los. Die Frage ist, wie ich damit umgehe.

Mittwoch, 2. März 2011

Individualität

Worin unterscheiden sich zehn aufgereihte grüne Gummibärchen? Sollte darauf die Antwort kommen: „Na, der eine ist doch Rudi, daneben steht Thomas und ganz außen, das ist Manfred“, dann dürften Nichtbetroffene jetzt einen Eindruck haben, wie man sich als Prosopagnostiker fühlen mag. Ich zumindest wäre fassungslos, wie man so was hinkriegen kann.

H. Daumier/Visipix.com
Natürlich bin ich in der Lage, Gesichter zu vergleichen; ich habe ja nichts an den Augen. Also brauche ich nur hin und her zu schauen, Nase A mit Nase B zu vergleichen, Kinn B mit Kinn D und anschließend alles von vorn durchzugehen an Mund, Augenbrauen und Wangen. Insofern trifft jene Aussage nicht auf mich zu, die ich mal irgendwo gehört habe: „Für mich sehen alle Gesichter gleich aus.“ In meinem Verständnis hieße das, es müsste einen Prototyp geben, ein einziges Gesicht für alle, und so müsste dann meine Mutter genauso aussehen wie meine Kusine, wie die Frau am Käsestand, wie Queen Victoria, Audrey Hepburn oder wie die Lehrerin aus meiner Grundschulklasse. Dies aber beschreibt nicht mein Problem. Ich nehme durchaus wahr, dass sich jeder Mensch im Gesicht unterscheidet, ich weiß nur nicht, ob ich jedem einzelnen Gesicht schon einmal begegnet bin oder ob wir uns hier zum ersten Mal treffen. Genau dies ließe sich im obigen Satz ausdrücken; man brauchte nur ein bestimmtes Wort hinzuzufügen. Lautete der Satz: „Für mich sehen alle Gesichter gleich fremd aus“, so träfe es meine Realität.

Samstag, 19. Februar 2011

Wer hat Recht?

Ich gebe es zu: Ständig den Arrogantling spielen zu müssen macht mich wütend. Auf der einen Seite steht meine Unfähigkeit, immer und überall den sozialen Erwartungen zu genügen; auf der andern Seite behandeln mich Nicht-Betroffene genauso abwertend, wie sie es mir vorwerfen, ihnen angetan zu haben. Die Nicht-Betroffenen jedoch haben einen entscheidenden Vorteil: Sie sind in der Überzahl. Daher dürfen sie definieren, was opportun ist, und sich angegriffen fühlen, sobald jemand danebentritt.

Quelle: Daumier/Zeno.org
Danebentreten, das passiert mir öfter: Mit meinen Nachbarn weiß ich bis heute nichts anzufangen. Nur sehr wenige vermag ich zu grüßen, weil ich weiß, wer sie sind. Den Rest, dem ich auf der Straße begegne, kann ich nicht von fremden Passanten unterscheiden. Ich wohne aber schon lange genug dort, so dass es auffällt, wenn mir Leute entgegenkommen, die demonstrativ an mir vorbeischauen. Man will mich also nicht teilhaben lassen am freundlichen Miteinander, und man will obendrein, dass ich dies deutlich zu spüren bekomme.

Die Logik sagt mir: Da ist jemand beleidigt. Den Grund kann ich mir denken, denn da ich mich an keinerlei persönlichen Kontakt erinnere, kann es nur bedeuten, dass ich wieder jemandem den erwarteten Gruß verweigert hatte. Ganz selbstverständlich wird mir dies als Absicht unterstellt. Als Retourkutsche werde ich nun ebenso radikal abserviert.

Mittwoch, 9. Februar 2011

So ging es weiter

Quelle: Modigliani/Zeno.org
Als Jugendliche wurde meine Welt ein bisschen großzügiger. Wir zogen samstags los in die Kneipe oder in die Disco. Alles war neu und ich fühlte mich noch immer nicht gehandikapt. Es mag durchaus sein, dass ich damals irrtümlicherweise den einen oder andern flüchtigen Neuzugang unter „fremd“ ablegte, doch ist mir nichts dergleichen Unangenehmes in Erinnerung. In meinem Denken existierte die Prosopagnosie nicht. Allerdings sind mir ein paar unwichtige Begebenheiten im Gedächtnis geblieben. Sie hatten weder Folgen noch waren sie ein Problem, aber sie zeigen, dass die Prosopagnosie mich damals schon begleitete – ich war mir dessen nur nicht bewusst.

So erntete ich heftiges Kopfschütteln von meiner Freundin, weil ich erstaunt gefragt hatte, seit wann unsere Deutschlehrerin eine Brille trug.
„Brille?“, lautete die Antwort. „Sie trägt soooo ‘nen Oschi auf der Nase!“
Ein andermal hatte ich mich beim Fernsehen als Volltrottel geoutet. Wir schauten gerade einen alten Film.
„Das ist doch nicht O. E. Hasse – das ist O. W. Fischer!“, wurde ich zurechtgewiesen.

Vermutlich hatte ich mich am Vornamen orientiert, vielleicht nach einem Blick in die Fernsehzeitschrift. Eine gewisse erinnerungsfreundliche Extravaganz ist ja auch nicht von der Hand zu weisen. Was die Gesichter betraf, so konnte ich nur wenige Schauspieler auf Anhieb wiedererkennen. Das waren unter anderem Heinz Rühmann, Hans Moser und Theo Lingen. Heute frage ich mich allerdings, ob ihre charakteristischen Stimmen mehr dazu beitrugen als ihr Aussehen.